... auf meiner Seite Portrait-Fotografie.

Warum fotografiere ich am liebsten Menschen? Unsere Familienalben sind der Grund. Uralte Bilder von Vorfahren. Sie schauen in die Kamera und ich hatte schon immer das Gefühl, sie sind mir nah, obwohl sie vielleicht lange vor meiner Geburt gestorben sind. Ihre Blicke, ein paar Fältchen um die Augen, ein leicht angehobener Mundwinkel im sonst ernsten Gesicht. Eingefrorene Momente von Gefühl. Eine ganze Geschichte, ein Leben dahinter.

Das wollte ich auch für die Menschen festhalten, die mir etwas bedeuten. Es fing an mit Familienmitgliedern und nahen Freunden. Nach und nach kamen andere dazu, die meinen Stil schätzen. Meine Fotos sind eher Schnappschüsse als lange vorbereitete Inszenierungen. Ich komme zu meinen Auftraggebern, wir reden ein wenig, wir gehen hierhin und dorthin, bis sich die Situation entspannt hat, das Licht gut ist. Meist sind es nur wenige Bilder. Nach zu vielen verkrampft sich die Situation wieder, vorher höre ich auf.

Schon als Kind faszinierte mich das Thema Fotografie. Ich lief meinen Vater hinterher, so bald er mit seiner Rolleiflex unterwegs war, wollte unbedingt in den Sucher sehen, auf den Auslöser drücken, mitspielen eben. Nachdem ich ihn lange genug belästigt hatte, erklärte er mir die Bedeutung von Blende, Verschlusszeit, Entfernung, Licht. Später, im Studium Grafik-Design, belegte ich alle Fotosemester, die angeboten wurden.

Leise muss die Kamera sein, daher nehme ich niemals eine klackernde Spiegelreflex. Manchmal nehme ich sogar das Mobiltelefon. Oder eine kleine, 30 Jahre alte, analoge Kamera. Unschärfe oder andere technische Mängel nehme ich in Kauf, wenn Bildkomposition und - aussage stark sind. Schärfe halte ich in diesem Fall für überbewertet. Der Mensch zählt, und der liebende Blick auf den Menschen.

Dann können Portraits magisch sein, auch noch nach einhundert Jahren und das, obwohl man den Mensch gar nicht kannte.

Leonore Weissenburger, Oktober 2015LW